André Derain, Bâteaux dans le Port de Collioure, 1905
Vertrieben aus dem Paradies
13.06.2026
Wie es der Zufall so will, stehe ich an einem warmen Samstagnachmittag im Mai an der Friedrichstraße und mir kommen die Tränen. Die Gegenwart beschwört die Vergangenheit so plötzlich herauf, dass ich unter ihrem Gewicht zusammenbreche.
Gerade hat mich jemand angerufen. Mir wurden die klassischen Fragen gestellt. Wo ich gerade sei? Ob jemand bei mir ist? Ob ich mal eben kurz aus der U-Bahn aussteigen könnte?
In Anbetracht des Todes wird einem klar, was wirklich zählt. Zum ersten Mal seit Wochen muss ich an A. denken. Worüber sie wohl nachdenkt? Ob es Sommer ist in London? Wie lange habe ich sie vergessen?
Nachdem einem das Herz gebrochen wurde, ereilen einen allerlei Formen von Schmerz. Ich erinnere mich daran, wie ich auf der Suche nach Weihnachtsgeschenken als wandelnde Katastrophe durch die Innenstadt irrte und an mein überfrachtetes Herz, das keinen Empfänger mehr für seine Liebe fand. An den Wirbel an der Weihnachtsstollentheke bei Dallmayr, weil ein bekannter Tennisprofi den Laden besuchte. An meine innere Leere und Haltlosigkeit, die mir damals todbringend vorkamen. S., die ihre Hand auf der Leopoldstraße aus dem Schiebedach in die kalte Winternacht streckt. Die unglaubliche Einsamkeit, die ich während meiner ersten Versuche, mit Freunden zu sprechen, empfunden habe. Jedes Gespräch war ungenügend, die anderen schienen mir unerreichbar fern. Wie ein Exilant, vertrieben aus dem Paradies, der Heimat, wo jeder meine Sprache sprach, stand ich nun alleine in der Fremde, unterhielt mich mit Hand und Fuß und dachte ständig an Zuhause.
Als ich A. kennenlernte, besaß ich weder Pläne noch Glauben an die Zukunft. Beschäftigt zu sein, eine Karriere zu verfolgen, erschien mir an ihrer Seite plötzlich nicht mehr zwecklos. Im Gegenteil, Arbeit und das Streben nach Erfolg nahmen die Züge einer transzendentalen Bestimmung an. Ich erinnere die Erleichterung, die mich etwa zwei Wochen nach der Trennung überkam, als mir klar wurde, dass ich auch für mich alleine eine Zukunft wollen könnte.
Ich war befreit und überglücklich, nicht mehr in unserem Elend festzustecken oder in Momenten meiner Schwäche auch noch ihrer Strenge ausgesetzt zu sein. Doch es dauerte nicht lange, bis ich erneut die Fassung verlor und mich fragte, wie wir es schaffen konnten, ein so riesengroßes Glück in so viel Unglück zu verwandeln.
In den Schweizer Bergen war mein Herz das letzte Mal weit offen gebrochen. Tagelang. Da war es April. Ich weiß noch, wie ich die Ferienwohnung im Zentrum des kleinen Klosterdorfes verließ, ohne ein Wort zu sagen, und mich langsam und leise an den rechteckigen Stausee am Ortseingang schleppte. Auf der Landstraße zischten SUVs durchs wolkenbedeckte Tal, und der trocken-raue Geruch der Automotoren zog durch die sonst so klare Bergluft. Selten werden einem der Gestank und der Dreck der Abgase so überdeutlich bewusst wie im Schnee. Sie schienen in der Luft zu stehen.
Dort an der Landstraße habe ich mir gewünscht, dich zu vergessen. Ich wollte nicht mehr nachsehen, ob du unsere gemeinsamen Fotos mittlerweile gelöscht hast, und auch nicht mehr auf dem Weg nach Hause aufgeregt hoffen, du könntest auf einmal vor meiner Haustür stehen – nach mir gesucht haben. Dass ich mein Herz zusammennähe, habe ich mir gewünscht. Ganz zu.
Als ich an der Friedrichstraße stehe, wird mir klar, dass es nicht der Anruf ist, der mich betroffen macht, sondern der Schmerz über die Schmerzlosigkeit. Das Ausmaß meines Verrats wird mir bewusst. Ich habe dich vergessen. Ich widerspreche meinen Freunden nicht mehr, wenn sie mir nach und nach verraten, was sie an dir nicht mochten.
Ich denke, wirklich einsam bin ich erst, seitdem ich dich nicht mal mehr vermissen kann.
Nur noch einmal, im Kunsthaus Zürich, vor den Gemälden der Fauvisten kommt sie, die Erinnerung: ein trauriger Sommer, das tiefe, glitzernde Licht zwischen den Pinien auf dem Parkplatz vor dem Strand. Schweigsame Autofahrten. Südfranzösische Schlafzimmer. Du, glücklich, in einem endlos großen Supermarkt. All die ungeschickten Bemühungen, einander noch einmal nah zu sein. Hass. Du, glücklich, beim Autofahren ohne Führerschein.
Seitdem versuche ich zumindest gelegentlich, mich zu erinnern. Ich versuche mir die Stimmung und das Licht des kleinen Hotelzimmers in Anzio einzuprägen, in dem wir eine Nacht verbracht haben. Ich stelle mir das grüne Schimmern deines Paillettenkleides vor und probiere, den zuckrig-klebrigen Geruch des Keratintreatments in deinen Haaren nach dem Schwimmen zu riechen. Ich denke an das goldene 5-Uhr-Licht am Flughafen Fiumicino und an den müden Geschmack des Kaffees an der Raststätte danach.