2026-04-24 at 11.56.37
M Der schwerste Pfau der Welt

Image by: Karline Schallert

M Der schwerste Pfau der Welt

Y. und ich waren spazieren in München. Ich glaube, das war der Winter, in dem ich von zu Hause ausgezogen bin. Wir waren uns sehr nahe, nachdem wir im Sommer zwei Wochen zusammen gewesen waren.

Nun ist es freezing cold. Vor einer Einfahrt stehen Kartons voller Tagebücher, Kalender, Geschirr und Berge an Fotografien.

Die Fotografien zeigen vor allem Menschen und Tiere, manchmal Tiere aus Porzellan.

Es gibt einen ganzen Berg an Abzügen, darin platziert: ein steinerner Pfau und dessen geometrische Abbildung als Fotografie.

Eine Frau kommt aus dem Haus und sagt uns, dass ihre Nachbarin verstorben sei und nun ihre Wohnung entrümpelt wird. Sie erzählt, die Frau wäre Fotografin gewesen und hätte im Rechts der Isar gearbeitet.

Sie nimmt die Tagebücher an sich, ein paar Bilder. Ich behalte mir einen Löffel aus Silber und die Fotografien des Pfaus als Andenken.

Image by: Karline Schallert

Ein Herz im Holz

Im Februar wohne ich bereits ein paar Monate in der Georgenstraße.

Ich arbeite an meiner Hausaufgabe und vetreibe mir meine Zeit mit Spaziergängen.

Ich sitze am Platz vor der Oper und bespreche mich mit L.. Vogelschwärme zischen durch die erste echte Sonne.

Ich plane, eine Brieftaube nach Leipzig zu verschicken.

Durch den Hörer spreche ich mit sämtlichen Züchtern: eine sächsische Stimme, von Gurren umgeben - auch: ein bayerischer Mathelehrer mit Taubenschlag. Sie kennen sich über den Verband.

Zwei Männer sitzen neben mir und haben augenscheinlich Freude daran, meinen Versuchen zuzuhören.

Sie sprechen mich an, fragen, was ich vorhabe.

Es stellt sich heraus: Der eine – Stefan – ist mein Nachbar. Er war Radiosprecher und erzählt mir von der Rohrpost im Bayerischen Rundfunk. Außerdem gibt er zu, unseren OB schon seit Kindheitstagen zu kennen. Von seinem Balkon aus sieht er das Licht in meinem Zimmer und er freut sich, nun die Nachfolgerin des Goldschmieds und der Grundschullehrerin zu kennen.

Stefan spricht mich auf den herzförmigen Abdruck vor meiner Wohnungstür an, den ich immer als gutes Omen verstanden habe.

Er erzählt mir, dass am Tag der Hochzeit meiner Vormieter das Treppenhaus neu abgeschliffen wurde. Dabei wurde jene herzförmige Stelle der Tür vergessen.

Der andere Mann kommt mir ebenfalls bekannt vor. Es ist Didi, der Obstverkäufer. Ich habe im Herbst einen Apfel bei ihm gekauft, als ich auf E. gewartet habe. Wir sind damals in ein Café gegangen und sprachen darüber, warum M. sich so isoliert hatte. Didi erzählt, dass er ausgezeichneter Ehrenbürger der Stadt München ist. Bevor er mit Früchten gehandelt hat, war er Bänker und krank. Jetzt ist er Superstar und radeln zum Chinesischen Turm, um ein Bier zu trinken.

Image by: Karline Schallert

Die Taube landet und ich ziehe los

An Weihnachten bin ich wieder da. Ich fahre mit dem Fahrrad zur Münchner Freiheit. Es ist mein letzter Abend in der Stadt, ich warte an einer roten Ampel. Ich hatte das beste Silvester, doch am ersten ersten ist mein Kater gestorben und meine Oma hat sich die Hüfte gebrochen. Ein Mann spricht mich an. Er trägt mir ein Gedicht vor. Ich muss weinen – ein Engel. Endlich passiert es mir wieder. Ich frage ihn nach mehr Gedichten. Er hat sie alle selbst geschrieben. Ich erzähle ihm, wieso es mich so rührt, ich habe mich so lange bereitgehalten.

Er sagt, wie froh er darüber ist, denn diese Gedichte müssten raus. Er geht spazieren und befreit sich von ihnen.

Sein Name ist Jens und er kommt aus Hamburg.

Neulich traf er eine kleine, sehr geknickte Assel
Die berichtete ihm voll Kummer
Sie müsste morgen ganz schnell nach Kassel
Da dachte er sich
Was für ein Schlamassel

Jens Im Juli