Image by: Ole Rohmert
Trost
02.08.2026
Der erste Satz lautet: Es waren einmal drei kleine Mädchen, die hießen April, May und June. Der Satz zählt nichts, auch die Geschichte zählt nichts. Die zwei Herzen und der gekringelte Kugelschreiberstrich sind es. Ich habe das Buch in einem blauen Bücherschrank am Eingang einer evangelischen Kirche gefunden. Eigentlich wollte ich nur auf dem Schild nachsehen, ob es eben eine evangelische Kirche sei. Dann erst habe ich den Bücherschrank gesehen, nahm ein Buch heraus, sah die Herzen, weiter: einen Günter Grass, auch darin eine rührende Nachricht gefunden. Der erste Satz lautet: „Warum erst jetzt?” sagte jemand, der nicht ich bin. Auch dieser Satz zählt nicht, auch diese Geschichte nicht. Vielmehr: die Angaben und das eingeklebte Foto des verstorbenen Wehrmacht-Soldaten, die zwei Seiten später folgende Doppelseite: in memoriam. Ich sollte nicht gerührt sein, immerhin lassen Ort: Danzig und Zeit: 1945 des Todes nichts Gutes erahnen. Es ist trotzdem tragisch, jemand hat einmal seine Erinnerung an eine geliebte, verstorbene Person mit diesem Buch verknüpft, und jetzt steht es vor einer evangelischen Kirche zu verschenken.
Ich habe beide Bücher mitgenommen. Auf meinem Weg durch einen kleinen Park habe ich mich in die Mitte der Wiese gestellt, im Kreis gedreht, zwischen den Bäumen den fast vollen Mond angestarrt und dann: gepinkelt!
Zuhause habe ich erleichtert wieder zu einem Buch gegriffen, das mir allein gehört. Ich habe dann weiter Vater Goriot von Balzac gelesen und war trotz allem ganz zufrieden. Ich bin gerade krank, so bleibt viel Zeit zu lesen.
Mein Bekannter Richie, der im Newsletter angemeldet ist, aber noch kein einziges Mal den Link geklickt hat, ist ein feiner Kerl und Musiker. Er hat mehrmals von Keith Jarrett gesprochen, ich habe keine Ahnung von Musik und mit Jazz verbinde ich auch nicht viel, also: habe ich es nicht weiter verfolgt - bis ich kürzlich die Bach-Stücke: The Well-Tempered Clavier Book 1, BWV 846-869 eingespielt von Keith Jarrett entdeckte.
Ich muss gestehen, die Musik kann mich nicht trösten, aber sie ist wie eine Gegenmusik zu meinen Gedanken und erlaubt es mir konzentriert zu lesen, das verschafft Trost.